Mitgehen ins Ausland?

von Sabine Neugebauer

Wenn heutzutage von Arbeitnehmern eine hohe Mobilität gefordert wird, kommen auf die Familien schwerwiegende Entscheidungen zu. Da gibt es keine Patentlösung, die für alle richtig ist! Die Frage ist: Um welche Menschen mit welchen Werten, Stärken und Empfindlichkeiten geht es im Einzelfall? Dafür ist wieder die Kriterienbewertung eine passende Methode. Wie diese weiter helfen kann, lesen Sie in diesem Blogbeitrag.


Eine Versetzung oder Abordnung eines Elternteils an einen entfernten Arbeitsort wird regelmäßig eine Belastung für die Familie mit sich bringen. Auch mit der besten Entscheidungstechnik kann man diese Umstellungen und Risiken nicht wegzaubern.

Was aber erreichbar ist: Wir können eine ruhige Sicherheit erlangen, mit der sich die Dinge wieder kraftvoll angehen lassen. So ist es möglich, auf jeden Fall das Beste aus der Situation zu machen!

In dem (verfremdeten) Beispielfall geht es um eine Familie mit 2 Kindern. Katrin V. fragt um Beratung nach, als ihr Mann, ein Ingenieur, für mindestens 3 Jahre in die USA muss und sie nicht weiß, ob sie und die Kinder mitgehen sollen oder nicht.

 

Katrin schildert eindringlich, welch schöne Situation jetzt abrupt gefährdet ist: Sie hatte gerade wieder eine Arbeit aufgenommen, in einem Steuerberatungsbüro halbtags ganz in der Nähe, die kleinere Tochter war im 3. Schuljahr mit Tagesbetreuung an der Schule, die ältere Tochter hatte auf dem Gymnasium einen guten Start hingelegt. Alles war in einem guten Gleichgewicht.

 

Doch jetzt kreisen Ihre Gedanken in Endlosschleifen: Bleibt sie mit den Kindern hier, dann hat sie Angst, dass sich die Partner entfremden und ihre Ehe gefährdet ist. Geht sie mit ins Ausland - was ist dann mit ihrer Berufstätigkeit und der Schule für die Kinder?

Mit Entscheidungskriterien die Rollenkonflikte abbilden

Ihr Mann kann mit beiden Alternativen leben, so dass die Entscheidung bei ihr liegt. Katrin kann hier mal in Ruhe ihre eigenen Prioritäten betrachten. Da sie es öfter so formuliert hat, dass verschiedene Herzen in ihrer Brust schlagen, nehmen wir diese "Herzen" als Entscheidungskriterien: Was ist mir wichtig in meiner Rolle als Mutter, als Partnerin, als Steuerberaterin und als Freundin? Die Rolle "Mutter" haben wir später aufgeteilt: direkter Kontakt mit den Kindern und Schulmöglichkeiten, für die sie indirekt auch Verantwortung trägt.

 

Die "Herzen" gewichten

Nun geht es weiter mit der Gewichtung der Kriterien. Nachdem Katrin die verschiedenen Rollen trennen konnte, fiel es ihr erstaunlich leicht, Gewichtungsfaktoren zu vergeben. Am wichtigsten mit Faktor 3 waren ihr die Herzen"Mutter/Kontakt zu den Kindern" und  "Partnerin".

An die zweite Position mit Faktor 2 setzte sie "Mutter/Schulmöglichkeiten" und "Beruf".

Auf die dritte Stelle mit Faktor 1 kam "Freundin".

Meine Aufgabe liegt darin, darauf zu achten, dass es wirklich die persönliche Bewertung der jeweiligen Klientin ist. Wie tragfähig wäre es denn zu sammeln, was andere von einem erwarten? Deshalb können die Entscheidungskriterien, auch wenn die Frage ähnlich ist, trotzdem völlig unterschiedlich ausfallen.

Ich unterstütze meine Klienten, sich innerlich klar zu werden, durch Fragen wie: "Weshalb ist Ihnen das wichtig? Wodurch würde es gefährdet? Was würde dann passieren?" Dazu beobachte ich auch die Körpersprache und Sprechweise und gebe Rückmeldungen, damit die Klientin noch besser herausfinden kann, was für sie stimmig ist. Ob ich selbst eine Einschätzung verstehe oder gar teile, das ist unwichtig.


Schwarz-weiß-Denken hinterfragen

Ich will hier nicht den gesamten Prozess erzählen (einen Überblick über die Schritte gab es hier), nur das Ergebnis und ein paar Erkenntnisse auf dem Weg.

 

Anfangs hatte Katrin das Gefühl, nur ihr "Partnerherz" wäre für das Mitgehen, aus den anderen Rollen wäre das Bleiben die bessere Lösung. Also 1 zu 4 gegen das Mitgehen. Doch durch das Einschätzen der Kriterien auf einem Kontinuum von 0 - 100% wird ein Schwarz-weiß-Denken hinterfragt. Unter anderem kamen ihr diese neuen Gedanken:

  • Die Kinder würden ihren Alltag gerne weiter mit dem Vater teilen wollen
  • Wenn die Eltern als Paar glücklich sind, ist es auch für die Kinder gut
  • Ihren Beruf würde sie nicht mehr so entspannt ausüben können, wenn ihr Mann ihr im Alltag nicht mehr zur Seite stehen könnte

Nach der gründlichen Diskussion ergab ihre Einschätzung einen deutlichen Vorteil für das Mitgehen!

Nach-Optimieren und Vorbereiten mit freudiger Entschiedenheit

Katrin fühlte sich mit dieser Entscheidung nun sicher und die Probleme wurden zu Aufgaben. In ihrer systematischen Art legte sie To-do-Listen an:

  • Schulmöglichkeiten für die Kinder schon von hier erforschen und optimieren
  • Kinder auf USA vorbereiten, Filme, Kinderbücher, Sprache..
  • Beruf - Absprache mit Arbeitgeber, virtueller Arbeitsplatz? Rückkehrmöglichkeit?
  • Beruf - was kann ich in den Zwischenjahren tun? Fernstudium?
  • Freundeskreis: Einladungen, Heimaturlaube, Skype- und WhatsApp-Gruppen

Die vorhergehenden Blogbeispiele zeigten den Status Quo als bessere Alternative. In diesem Beispiel ist es umgekehrt. Die persönlichen Kriterien machen den Unterschied. Nur Sie selbst können wissen, was für Sie wirklich wichtig ist. Mit sich selbst in Einklang zu sein, das gibt Kraft auch für anspruchsvolle Lebenssituationen.

Jede(r) sollte die Entscheidungen nach seinen persönlichen Kriterien treffen


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