Die beste Alternative... errechnen!

von Sabine Neugebauer

Nachdem die Bewertungskriterien definiert und gewichtet sind, können sie zum "Messen" herangezogen werden. Dazu schätzt man zu jeder Entscheidungsalternative ein, wie gut sie jedes Kriterium erfüllt. Die Ergebnisse werden mit dem Gewichtungsfaktor multipliziert und zusammengezählt. So bekommt man ein klares Zahlenergebnis, welche Alternative nach den eigenen Kriterien die beste ist.


Und weiter geht es mit der Kriterienbewertung! Bisherige Posts:

 

 1.     Alternativen und Entscheidungsfrage (Die Qual der Wahl)

 2.     Kriterien definieren und gewichten (Individuelle Bewertungskriterien als Maßstab)

 

 Im Schritt 3 geht man nun jedes Kriterium durch und schätzt, wie gut es bei jeder Alternative erfüllt wird.

 

Als Vorbereitung wird zu einem Kriterium zunächst ein Beispiel für die Extremwerte, also 100% und 0% festgelegt. Damit kann man seinen inneren Maßstab eichen. Dann werden die vorhandenen Entscheidungsalternativen eingeschätzt und bekommen einen Prozentwert für jedes Kriterium. Dieser wird mit dem vorher festgelegten Gewichtungsfaktor multipliziert.

 

Die Summe dieser gewichteten Punkte zeigt, wie gut diese Alternative insgesamt ist: höchste Punktzahl = beste Alternative.

Entscheidungen zu jedem Kriterium

Sebastian will wissen, ob er den guten Status Quo im Marketing aufgeben soll für das neue Team Digital Marketing. Nachdem er seine Bewertungskriterien definiert und gewichtet hatte, wird es nun ernst!

 

Wir beginnen mit seinem wichtigsten Kriterium "Meine Fähigkeiten optimal einbringen können". Dazu soll er zunächst einmal die Eckpunkte, also 100% und 0%, definieren. So wird verhindert, dass der Maßstab verrutscht. "Was wäre ein Job, indem Sie Ihre Fähigkeiten zu 100% einbringen könnten?", frage ich. Wie aus der Pistole geschossen antwortet er: "Eine eigene Marketing-Agentur!" Die steht zwar nicht in der Realität zur Auswahl, kann aber einen guten Ankerpunkt zum Vergleichen abgeben. Nun die andere Seite: Was wäre eine 0%-Alternative? Sebastian denkt etwas länger nach und erinnert sich an einen Aushilfsjob auf dem Bau. Das war wirklich gar nichts für ihn.

 

Wenn er das Kontinuum zwischen 100% und 0% nun betrachtet, wo befindet sich die neue Chance im Digital Marketing Team? Sebastian schätzt 80%. Insbesondere seine Kreativität, seinen Spaß an neuer Technik, aber auch seinen Teamgeist kann er dort einbringen. Dann kommt die andere Alternative an die Reihe, sein bisheriger Job in der "normalen" Marketingabteilung. Nach einer längeren Diskussion vergibt Sebastian  50%. Sicherlich kann er auch hier sein Fachwissen anwenden, aber Kreativität oder gar Innovation ist weniger gefragt.

 

Da er dem Kriterium "Meine Fähigkeiten einbringen" die Gewichtung 2 gegeben hat, werden beide Prozentwerte verdoppelt. So geht die erste Runde mit 160 zu 100 Punkten an die neue Chance im Digital Marketing Team!

Widersprüche werden sichtbar

Aber nicht alle Kriterien zeigen in diese Richtung! Spannend wird es, als Sebastian an das Kriterium "Vereinbarkeit mit Hobbys und Partnerschaft" kommt. Seine bisherige Stelle war da nahezu optimal - keine Überstunden, flexible Zeiten, Fahrradentfernung zur Wohnung. Er gibt 90%. Zum 100%-Rang würde nur noch ein Home office - Tag fehlen. Im neuen Team dagegen wird Stress herrschen, die Projektmeilensteine werden die Arbeit takten. Um dort zu bestehen, wird er die privaten Dinge hintan stellen müssen. Sebastian schätzt das Vereinbarkeitskriterium auf 50%. Immerhin wird das neue Büro noch in der Stadt sein und nicht im Ausland...

 

Mit dem Gewichtungsfaktor von 1,5  beim Kriterium Vereinbarkeit zieht die bisherige Stelle mit 135 zu 75 Punkten an dem neuen Job vorbei.


Für einen Coachingklienten fühlt sich eine Kriterienbewertung oft an wie ein Entscheidungs-Marathon, und ehrlich gesagt: Das ist es auch! Sebastian ist dankbar, dass ich als Coach die Struktur im Kopf behalte, immer die nächste Frage stelle und ihn so Schritt für Schritt zu seinem Ergebnis leite.

Überraschendes Ergebnis

Haben Sie das Ergebnis in obiger Tabelle gelesen? Sebastian konnte es nicht fassen, dass seine alte Stelle deutlich vorne lag – und das nach seinen eigenen Kriterien und ausgiebig diskutierten Einschätzungen. Als Coach war ich nicht überrascht, denn das Ergebnis ist gar nicht so untypisch.  Der Überstrahlungseffekt, eine Wahrnehmungsverzerrung, lässt einzelne markante Kriterien (hier "spannende Aufgaben") übetrieben wichtig erscheinen und stellt alles andere quasi in den Schatten. Gut, dass Sebastian sich nicht auf seinen ersten Eindruck verlassen hat!

 

Wie es weitergeht, erfahren Sie im nächsten Blog-Artikel im September.

Systematische Entscheidungstechniken vermeiden Fehler


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