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Verdeckte Risiken und Nebenwirkungen hemmen Entscheidungen

Wenn wir bei der Umsetzung einer Entscheidung nicht so recht vorankommen, kann es ein Hinweis  sein: Achtung! Das Vorhaben birgt verdeckte Risiken. Bring dein System lieber nicht aus dem Gleichgewicht.

Kristin kam mit einem strahlenden Lächeln aus dem Beurteilungsgespräch mit ihrem Chef. Er hatte ihr vorgeschlagen, ein nebenberufliches Fachstudium zu beginnen. Die Firma würde das finanziell fördern und wäre sehr daran interessiert, sie anschließend als Teamleitung einzusetzen. In der heutigen Zeit des Fachkräftemangels freuten sie sich, wenn Beschäftigte sich weiterentwickelten, und Kristin hätte wirklich das Zeug dazu.

Sie erzählte ihrer Familie und ihren Freunden begeistert von ihren Fortbildungsplänen, erkundigte sich auch zunächst bei entsprechenden Hochschulen, aber dann ließ ihr Elan nach. Ein halbes Jahr später war noch nichts passiert.

Nun könnte man an Vorurteile aus dem letzten Jahrhundert erinnert werden, dass es sich nicht lohnt, Frauen zu fördern. Dass sie nicht belastbar oder nicht karriereinteressiert wären. Denn auf den ersten Blick hat das Förderangebot ihres Arbeitsgebers doch nur Vorteile. Doch schauen wir einmal hinter die Kulissen!

Schon am ersten Abend, als Kristin ihrem Mann und den beiden Kindern von dem nebenberuflichen Studium erzählte, waren die Reaktionen gemischt. Die Kinder alberten herum, „Mama geht wieder zur Schule“, und ihr Mann blieb eher einsilbig. Ihre Freude wurde nicht so richtig geteilt.

Kristins beste Freundin war neidisch. Sie beschwerte sich ausgiebig über ihren eigenen Chef, der wahrscheinlich niemals auf die Idee käme, sie zu fördern. Auch bei einem Treffen mit anderen Freundinnen war die Resonanz spärlich. Das Thema wechselte schnell wieder zu den Urlaubsplänen für den Sommer. Besonders krass war die Reaktion von Kristins Mutter, die offen davon abriet: „Aber du musst doch für deine Familie da sein!“


Wir alle leben in einem Netz von sozialen Beziehungen, die sehr fein austariert sind. Sobald wir eine Entscheidung treffen, die daran etwas ändert, hat das Auswirkungen auf das gesamte Netz, manchmal kleine, manchmal aber auch weitreichende.

vernetzte Kreiselemente
© Alexandra Koch, Pixabay-Lizenz 2022

Wenn eine Entscheidung stockt, sollte man die Folgewirkungen analysieren

Dies wird in der Systemische Arbeit und im NLP gemacht, im NLP als „Öko-Check“ bezeichnet. Die Lebensumstände eines Menschen werden wie ein Ökosystem angesehen, was auf Veränderungen reagiert – und zwar in der Regel, indem es das alte Gleichgewicht wiederherstellt. Das bedeutet, dass wir für die Entscheidung zu einer Veränderung mit Widerstand des „Systems“ rechnen müssen.

Diese Selbsterhaltungstendenz von Systemen ist im Grunde gut. Wenn der Körper auch in sommerlichen Hitzephasen die Kerntemperatur durch Schwitzen beibehält, bewahrt uns das vor einem Hitzekollaps. Wenn eine Firma bei Marketingerfolgen der Konkurrenz darum kämpft, die eigenen Marktanteile zu behalten, bewahrt es die Arbeitsplätze.


Wenn wir uns zu Änderungen entscheiden, sollten wir also damit rechnen, dass „das System“ zum Status quo zurückwill. Wir können mit den erwartbaren Widerständen klug umgehen. Dazu sollten wir uns die Perspektiven der anderen im "System" genau anschauen.

Öko-Check: Welche Folgewirkungen hat meine Entscheidung auf mein „System“?

Kristin könnte in ihrer Familie anfangen. Was würde sich da ändern?

In der Zeit des Studiums hätte sie selbst deutlich weniger Zeit für Familienaktivitäten. Alle müssten Rücksicht nehmen, wenn sie am Wochenende Ruhe zum Lernen braucht. Die Haushaltspflichten sollten neu verteilt werden. Die Kinder würden aber auch erleben, dass Lernen im Erwachsenenleben weiter wichtig ist, und ihre schulische Lernarbeit würde aufgewertet.

Welche Auswirkungen ergäben sich in ihrem Freundeskreis? Durch Kristins Beispiel angeregt, würden sich alle fragen, welche Ambitionen sie für ihr eigenes Leben haben. Da könnte manche Unzufriedenheit hochkommen. Außerdem wäre absehbar, dass Kristin für Freizeitaktivitäten in den nächsten Jahren kaum noch Zeit hätte. Sie würde ihnen fehlen.

Auch unbewusste Nebenwirkungen

Nicht alle Auswirkungen sind so offensichtlich. Nehmen wir Kristins Mutter. Da würde sich im Alltag wenig ändern. Vielleicht würde sie öfters mal zur Kinderbetreuung gebraucht. Aber das innere Gleichgewicht ist deutlich tangiert: Wie in ihrer Generation üblich, hatte sie berufliche Pläne aufgegeben, als die Kinder kamen. Nun stellt ihre Tochter – wenn sie sich für das Studium entscheidet – auch die Lebensführung der Mutter in Frage: Wie zufrieden ist diese rückblickend mit ihrem Leben? Welchen Sinn hat sie ihm gegeben, nachdem die Kinder erwachsen und aus dem Haus waren? Solche Fragen sind unbequem, und es ist verständlich, dass die Mutter es lieber sähe, wenn ihre Tochter alles beim Alten ließe.

Noch komplizierter könnte es bei Kristins Mann sein. Angenommen, er wäre ein moderner Mann, der sich in Kindererziehung und Care-Arbeit immer gerne eingebracht hätte. Dann hätte er einen inneren Anteil, der sich darauf freut, nun mal wieder mehr für die Familie da zu sein, so wie es in den Baby-Phasen auch war.

Aber er könnte auch einen anderen inneren Anteil spüren, der mehr so Stiche in der Magengegend verursacht. War er nicht immer stolz darauf, ein verlässlicher Versorger für die Familie zu sein? Das würde weniger wichtig, wenn Kristin als zukünftige Teamleiterin auch viel verdient. Und wenn sie gar mehr Einkommen hätte als er? Er war langjährig als Spezialist in einer Stabsabteilung angestellt. Auf Führungspositionen hatte er sich nie beworben. Sollte er es tun? Insgesamt kämen ihm vermutlich eher verschwommene Gefühle in den Sinn als klare Gedanken. Aber deutlich ist: Sein Selbstbild in der Familie, seine Einstellung zu Karriere und Leistung und auch Sinnfragen müssten innerlich neu justiert werden.


Pro-aktives Herangehen

Sobald man die Vielfalt von Auswirkungen erkannt hat, rate ich zu einem pro-aktiven Herangehen. Sagen Sie „Ja“ zu ihrem Veränderungswunsch, und gehen Sie auf die anderen in Ihrem „Öko-System“ zu, die sich dann auch, zumindest ein wenig, ändern müssen.

Kristin könnte mit ihrer Mutter einen Mutter-Tochter-Tag verabreden. Beim Spazierengehen könnte sie die Lebenserfahrungen ihrer Mutter explizit erfragen und damit auch würdigen: „Mama, wie war es für dich damals, als du die Berufstätigkeit aufgegeben hast? Was hast du an deiner Arbeit gemocht?“ Gegenseitige Akzeptanz von Unterschieden und deren Würdigung tut den Mutter-Töchter-Beziehungen immer gut! Und wer weiß, vielleicht gibt es bei der Mutter auf einmal den Wunsch, in ihrem Leben noch etwas aktiver zu sein, beispielsweise in einem Ehrenamt?

Kleine Schritte sind besser als große

Je vernetzter ein System ist, desto gefährlicher sind große Schritte. Sie schlagen hohe Wellen, die oft das eigentlich Gewollte überlagern.

Mal angenommen, Kristin wollte die Hausarbeitsproblematik während ihres Studiums mit einem großen Wurf lösen: Sie stellt kurzerhand eine Haushaltshilfe ein. Gewünschte Wirkung: Kinder und Mann sind von Hausarbeiten entlastet. Mögliche Nebenwirkungen: Die Kinder könnten eine Anspruchshaltung entwickeln, zusätzlich bezahlte Hausaufgabenbetreuung verlangen und eine eigene Rücksichtnahme, z. B. auf Lernzeiten der Mutter, ablehnen. Ihr Mann könnte sich abgelehnt und überflüssig fühlen und aus Frust ein zeitaufwändiges Hobby anfangen. So driftet die Familie auseinander.

Wie findet man nun die angemessen kleinen Schritte heraus? Dazu schaut man, welche möglichst kleine Veränderung schon in die gewünschte Richtung geht, und probiert es einfach aus.

Als die Kinder mal anlässlich eines Geburtstages bei Freunden über Nacht blieben, lud Kristin ihren Mann in ein gutes Restaurant zum Essen ein. Ja, sie lud ein – und sie hatte Herzklopfen dabei. Ihr Mann hatte gerne angenommen, war aber merklich ruhiger als sonst.

  • „Das ist schon ein komisches Gefühl, wenn ich gleich bezahle“, sagte sie offen, „Wie ist das denn für dich?“
  • „Ja, ist schon komisch“, sagte ihr Mann und lachte, „eigentlich bin ich ja stolz auf dich.“
  • „Und uneigentlich?“
  • „Hm. Ist so ein gemischtes Gefühl. Das Geld heranschaffen, das war ja immer mein Revier.“
  • „Und jetzt?“
  • „Jetzt hast du bald genauso viel wie ich. Da fühle ich mich irgendwie... nicht mehr so wichtig. Obwohl...“
  • „Obwohl?“
  • „Obwohl ich doch nicht wegen des Geldes wichtig sein sollte, oder? Das ist doch auch nicht so.“

Und dann könnten sich beide in die Augen gucken und lachen. Und sie würden im Verlauf des Abends vielleicht weiter vertiefen, wofür Kristins Mann in der Familie wichtig sein will, und wie er das mehr verwirklichen könnte – wenn sich sowieso etwas ändert.


So könnte ein kleiner Schritt aussehen, die veränderte Rollenverteilung im Kleinen mal zu erproben. Wenn es gut läuft, nutzen die anderen Betroffenen die Dynamik der Situation positiv, indem sie selbst prüfen, ob das, was sie im Alltag tun, noch ihren Wünschen und Zielen entspricht.

Ziel ist ein neus Gleichgewicht

Wenn Sie also bemerken, dass Ihre Entscheidung schwächelt, dann schauen Sie mal genau auf die Risiken und Nebenwirkungen. Vielleicht ist die Tragweite größer, als es Ihnen im ersten Moment schien, und es braucht ein umfassenderes Vorgehen.

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